Integrationsverweigerer zum „Gemüse des Jahres“ 2015/2016 in Deutschland gewählt

Dieser Artikel erschien von mir im Pure Vegetarian Restaurant.
Während heimische Arten verblühen und Laub abwerfen blüht der Chili-Strauch

Während heimische Arten verblühen und Laub abwerfen blüht der Chili-Strauch

Winter, was ist denn das? Mein Chili-Strauch hat geblüht und nun kommen die Früchte. Wenn ich mir die kahlen Bäume im Hintergrund anschaue, könnte man diesen Strauch mit Migrationshintergrund, der ursprünglich aus Mittel- und Südamerika stammt, auch Integrationsverweigerer nennen. Nun ja, man muss halt schon irgendwie krass drauf sein, um vom Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) zum „Gemüse des Jahres“ 2015/2016 in Deutschland gewählt zu werden. Herzlichen Glückwunsch, Chili! Auf ein scharfes Jahr 2015!

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Vom Scharrtier zum Erdmännchen – Die erfolgreiche PR-Kampagne des Erdmännchens

Dieser Artikel erschien von mir in Der Zoolotse.
Im Rahmen der PR-Kampagne wurde diese kleine Mangusten-Art von "Scharrtier" in "Erdmännchen" umbenannt.

Im Rahmen der PR-Kampagne wurde diese kleine Mangusten-Art von „Scharrtier“ in „Erdmännchen“ umbenannt. Foto aufgenommen im Zoo Dortmund.

Laut Sheridan (2011), der regelmäßig sein bekanntes Zoo-Ranking der europäischen Zoos veröffentlicht, gehören Erdmännchen zu den beliebtesten Zoobewohnern. Neben Löwen, Tigern, Giraffen, Elefanten, Nashörnern, Menschenaffen, Flusspferden, Bären und Robben gehören sie zu den sogenannten Top10-Zoo-Tierarten.
Auch ein Blick auf die Tierpatenschaften in einem Zoo, und die zahlreichen Erdmännchen-Paten, lässt schnell Rückschlüsse darauf ziehen, wie beliebt diese kleinen Raubtiere bei den Zoobesuchern sind.

Im Zoo können Erdmännchen sehr zutraulich werden

Im Zoo können Erdmännchen sehr zutraulich werden, wie auf meinem Selfie mit diesem Tier zu erkennen ist. Foto aufgenommen in der ZOOM Erlebniswelt Gelsenkirchen.

Erdmännchen sind aber nicht immer beliebt und berühmt gewesen. Ende der 80er war diese Tierart kaum bekannt und dürfte unter den anderen Zoo-Tieren kaum aufgefallen sein. In der Enzyklopädie „Säugetiere des südlichen Afrikas“ von Mills und Hes aus dem Jahr 1997 ist das Erdmännchen unter „Surikate“, wie es auch genannt wird, zu finden. Dort heißt es: „Noch vor 10 Jahren waren Erdmännchen und ihr interessantes Privatleben der breiten Öffentlichkeit praktisch unbekannt. Doch dann erlangten sie in Folge einer wissenschaftlichen Studie in der Kalahari und einer anschließenden Fernsehproduktion weltweite Bekanntheit und spielten sogar in einer kürzlichen Disney-Produktion aus Hollywood eine wichtige Rolle.“ (MacDonald, 1999, 208). In dieser Zeit muss sich auch die Bezeichnung „Erdmännchen“ durchgesetzt haben.

In Disneys "Der König der Löwen" spielt das Erdmännchen Timon eine entscheidende Rolle

Das Erdmännchen „Timon“ in Disneys „Der König der Löwen“ (1994) spielt eine Schlüsselrolle in der PR-Kampagne dieser Tierart, auf dem Weg vom „Scharrtier“ zum „Erdmännchen“.

Ursprünglich wurde diese Mangusten-Art im Deutschen neben „Surikate“ auch „Scharrtier“ genannt, was Brehm mit folgenden Worten erklärt: „Die Füße, das beste Merkmal des Tieres, das nicht umsonst den Namen Scharrtier erhielt, sind mit langen und starken Krallen bewaffnet, und namentlich die Vorderfüße zeigen diese Krallen in einer Ausbildung, wie sie in der ganzen Familie nicht wieder vorkommt. Mit ihrer Hilfe wird es der Surikate leicht, ziemlich tiefe Gänge auszugraben.“ (Brehm, 2014, 400).
Nach dem Erfolg von „Der König der Löwen“ bekamen Timon, das Erdmännchen und Pumbaa, das Warzenschwein eine eigene Zeichentrickserie. Von 1995 bis 1999 produzierte Disney 86 Folgen von „Abenteuer mit Timon & Pumbaa“.
Als 2008 Honeybornes Tierfilm „Wächter der Wüste“ erschien, war das Scharrtier unter der Bezeichnung „Erdmännchen“ bereits weltbekannt.

 


Literatur

Brehm, A. (2014): Brehm’s Tierleben – Vollständige Ausgabe mit 350 Abbildungen (Band 1-28): Thierreich: Altweltsaffen + Katzenartige Raubtiere + Insektenfresser + Vögel + Wale + Reptilien + Fische + Käfer + Schmetterlinge + Beuteltiere + Gabeltiere + Einhufer + Die Immen und viel mehr. e-artnow.

MacDonald, D. W. (1999): Suricata suricatta – Surikate. In: G. Mills/L. Hes (Hrsg.): Säugetiere des südlichen Afrikas. Eine illustrierte Enzyklopädie. (S. 208). Köln: Könemann.

Sheridan, A. (2011): Das A und O im Zoo: Europas führende Zoologische Gärten 2010 – 2020. Schüling: Münster.

Rezension: Franz Kafkas „Die Verwandlung“ im Jungen Theater an der Ruhr

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„Warum gehen Käfer nicht in die Kirche?“ – Weil sie Insekten sind!“ Dieses Zitat aus der Kafka-Aufführung im Theater an der Ruhr in Mülheim gibt bereits Aufschlüsse darüber, wie Regisseur Albrecht Hirche (Dramaturgie: Sven Schlötcke) Kafkas bekannte Erzählung „Die Verwandlung“ sowie „Das Urteil“ und „Brief an den Vater“ umsetzt – Absurdes Theater. Wer damit bisher nichts anfangen konnte, dem kann Hirches Interpretation der Verwandlung nur empfohlen werden. Kafkas starke Erzählung ist kreativ und aussagekräftig umgesetzt, wozu die Schauspieler einen entscheidenden Teil beitragen.

Der Zuschauer sitzt auf der Bühne – entsprechend klein ist das Bühnenbild gehalten, was aber seine Wirkung nicht mindert – und ist irgendwie Teil des Geschehens, was vonseiten der Schauspieler hinsichtlich des Publikums in leichte Bezirzung und Liebäugelei übergeht. Die Interaktion der Schauspieler mit den Theaterbesuchern verstärkt den komischen Unterton der Darbietung auf passende Weise. So sind die Charaktere stark überzeichnet. Die Mutter dick, toupiertes Haar, neonfarbener Nagellack, Sonnenbankbräune, hohe Hacken – außerdem leidet sie an Asthma. Die Schwester ebenfalls dick, hohe Hacken, aber eher mädchenhaft, ein Girlie. Auch der Vater ist dick, zu Beginn trägt er Lockenwickler im Haar, die Fingernägel lackiert. Was zu Kafkas Zeiten gutbürgerlich war, ist heute möglicherweise der Asi-Hartz-IV-Empfänger. Allerdings lebt Familie Samsa nicht auf Staatskosten, sondern hat mit Sohn und Bruder Gregor einen Ernährer, der als Vertreter arbeitet. Da Gregor sich allerdings in einen Käfer verwandelt hat, kann er dieser Sache nicht mehr nachgehen und möchte auch sein Zimmer nicht mehr verlassen. So beginnt die Geschichte, und obwohl Gregor in seiner Gestalt als Käfer für den Zuschauer recht putzig und faszinierend wirkt, ist die Familie gänzlich angewidert und hat nichts als Ekel für den Sechsbeiner übrig, sodass Gregor sich seiner selbst wegen zu schämen scheint. Währenddessen versucht Haushälterin Anna das Publikum von Gregors Widerlichkeit zu überzeugen, indem sie dem Publikum die Hinterlassenschaften Gregors, serviert auf einem Kehrblech, einem Zuschauer nach dem anderen, unter die Nase hält. Wenn der Familienernährer von heute auf morgen seine Funktion nicht mehr erfüllt, so wird er bloß noch als Ballast empfunden. Der Mensch in seiner Funktion steht in dieser Darbietung im Mittelpunkt. Auch die Haushälterin Anna erfüllt eine Funktion. Dies ist allerdings nicht ausreichend; sie wird von der Familie benutzt. Gregor und der Vater vergehen sich sexuell an ihr. Dennoch spielt sie ihre Rolle weiter. Aus Sicht des Zuschauers verhält sich die gesamte Familie merkwürdig und auch abstoßend. Seinen Höhepunkt erreicht dies als die Familienmitglieder zunächst recht harmlos, ein wenig spielerisch, beginnen sich gegenseitig Äpfel zuwerfen, ehe diese zu aggressionsgeladenen Geschossen transformieren, ganze Äpfel mit bloßen Händen zerdrückt, Apfelstücke gegessen, ausgespuckt, den anderen aus den Mündern gezerrt werden, bis der Boden, genässt von zertretenen Apfelstücken, dem verdutzten, man mag sagen leicht empörten, Publikum, eine Rutschpartie der Protagonisten beschert, sodass in dieser Demaskierung des Wahnsinns der Käfer als einzig normal gebliebener Mensch wirkt und somit bedauernswert in diesem Umfeld.

Gregors Chef, der Prokurist, sieht aus wie ein Reptil, was weder einem der anderen Darsteller auffällt noch irgendwem von ihnen zu stören scheint. Er erinnert ein wenig an die Hauptfigur aus „Die Maske“, in der Jim Carrey jene Hauptrolle spielt, nur dass der Prokurist weder die Maske noch seine Reptilienhandschuhe jemals auszieht. Sie sind Bestandteil seiner Person. Ausgerechnet er macht sich über Gregor lustig. Ihm ist nur sein Geschäft wichtig. Für die Gedanken und Sorgen eines Menschen wie Gregor hat er kein Verständnis und hält dies für dummes Geschwätz, Gefühle und Gedanken, welche er noch nicht einmal im Ansatz nachvollziehen kann.
Aber auch Gregors Käferanzug ist Bestandteil von Gregors Person, den er zu gerne ablegen würde. Nachdem der Vater, der bereits gewalttätig gegen Gregor wurde, diesen zum Tode verurteilt, ist für Gregor der Tod die einzige Möglichkeit das Käfersein zu beenden. Denn Gregor schafft es nicht seinen Identitätskonflikt zu lösen und wählt daher den Freitod, was in seiner Schluss-Arie deutlich wird. Er weigert sich zu essen und hungert sich schließlich zu Tode. Als nur noch Gregors Hülle übrig ist, hebt seine Schwester Greta ihn –diesmal ohne Ekel- auf und zeigt den anderen, wie dünn er doch war. Der Familie scheint eine große Last von den Schultern genommen zu sein – sie singen und tanzen und sind fröhlich. Nun steht Greta im Mittelpunkt. Sie hat abgenommen und hat sich herausgeputzt. Der Weg scheint für sie geebnet und die Welt, vor allem der männliche Teil davon, liegt ihr zu Füßen. Eigentlich war sie die Erste, die Gregor loswerden wollte und entsprechende Vorarbeit beim Vater leistete.

Das Kafkaeske dieses Stückes wird noch zusätzlich durch die gesanglichen Darbietungen bekannter Lieder durch sämtliche Darsteller unterstützt.

Ein Besuch dieser Inszenierung lohnt sich nicht nur, weil es sich um einen Schul-Klassiker handelt, sondern da die zeitlose Thematik hier kreativ und modern interpretiert wurde und ausreichend Raum für eine eigene Interpretation von Kafkas Werken lässt.

Die nächsten Vorstellungen sind am 24. September 2014 und am 30. Oktober 2014 jeweils um 18 Uhr. Karten gibt es hier.

Kafkas Werke "Die Verwandlung", "Das Urteil" und "Brief an de Vater" flossen in die Theaterinszenierung ein

Kafkas Werke „Die Verwandlung“, „Das Urteil“ und „Brief an de Vater“ flossen in die Theaterinszenierung ein

Rezension: Der Steppenwolf (Film, 1974)

Liebe Freunde,

nachdem ich diesen Sommer im Zug, während meiner Fahrten zum Zoo, noch einmal Hermann Hesses Steppenwolf gelesen hatte, entschied ich mich bei einem Online-Auktionshaus die Verfilmung dieses Romans von Fred Haines, mit Max von Sydow als Harry Haller, aus dem Jahr 1974 zu erwerben.

Der Film "Der Steppenwolf" (1974) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse aus dem Jahr 1927

Der Film „Der Steppenwolf“ (1974) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse aus dem Jahr 1927

Über die Literaturvorlage brauche ich vorab bloß wenige Worte zu verlieren, auch wenn der Roman von Hesse 1927 veröffentlicht wurde, hilft er auch wunderbar als Wegbegleiter, Leidensgenosse durch die Tage von heute, als Spiegel, als sich verstanden fühlend und in den Zeilen wiederfindend und hat wenig an Aktualität verloren, eher zugenommen, da Angedeutetes, einem feinen Hauch gleich, damals gerade eben von einer sensiblen Künstlerseele Gefühltes, was kaum zu erkennen war, bis zum heutigen Tage deutlich an Konturen zugenommen hat.

„Einmal geschah es nachts, daß ich im Wachliegen plötzlich Verse sagte, Verse viel zu schön und viel zu wunderlich, als daß ich daran hätte denken dürfen, sie aufzuschreiben, die ich am Morgen nicht mehr wußte und die doch in mir verborgen lagen wie die schwere Nuß in einer alten brüchigen Schale. Ein andermal kam es beim Lesen eines Dichters, beim Nachdenken eines Gedankens von Descartes, von Pascal, ein anderes Mal leuchtete es wieder auf und führte mit goldener Spur weiter in die Himmel, wenn ich bei meiner Geliebten war. Ach, es ist schwer diese Gottesspur zu finden inmitten dieses Lebens, das wir führen, inmitten dieser so sehr zufriedenen, so sehr bürgerlichen Welt, so sehr geistlosen Zeit, im Anblick dieser Architekturen, dieser Geschäfte, dieser Politik, dieser Menschen! Wie sollte ich nicht ein Steppenwolf und ruppiger Eremit sein inmitten einer Welt, von deren Zielen ich keines teile, von deren Freuden keine zu mir spricht!“ (Hesse, 2012, 48f.)

So kann ich Hesses Steppenwolf jedem nur nahelegen. Was erwarte ich aber von einer Literaturverfilmung? Gerade von einem kontroversen Buch wie dem Steppenwolf, wo die Hauptfigur eben nicht Sympathieträger ist, wie ein glänzender Goldmund, sondern eher Anti-Held? Wie wird Harry Haller in der Filmadaption in Szene gesetzt? Als Goldmund, der versagt hat oder wie ein gefallender Engel (in künstlerischer Hinsicht)? – Nein, so wird er nicht dargestellt, besser gesagt: leider nein. Der verfilmte Harry Haller ist ein Wirrkopf, der sich nur von äußeren Umständen leiten lässt. In seinem fortgeschrittenen Alter macht er alles mit: Frauen, Partys, Drogen. Doch wieso dies alles? Warum tut er das? Hallers Innenleben könnte hier mit dem Prädikat „wahnsinnig“ versehen werden. Gerade das, was Hesse in seinem Roman so ausführlich bis zum äußersten ausführt, das philosophisch untersetzte Gejammer über die Welt, welches vielen zu weit gehen mag, doch sehr erhellend für das Verständnis von Hallers Weltbild ist, wird im Film nur pauschalisiert dargestellt. Möglicherweise versuchte der Macher des Films (Haines schrieb auch das Drehbuch) sich in den Protagonisten hineinzuversetzen. Doch das Ergebnis seiner Interpretation ist letztlich nur als eigensinnig zu bezeichnen, was offensichtlich zu wenig Hesse und viel Haines führt. Hätte Haines sich mehr an der Vorlage orientiert und weniger an technischen Spielereien versucht, wäre der Film als Ganzes sicherlich etwas besser zu verstehen: Nicht nur Harry Haller, sondern der ganze Film wirkt verwirrend.
Der Filmmacher setzte den Schwerpunkt auf die Beziehung zwischen Harry Haller und Hermine, sodass es wirkt, als ginge es in dieser Erzählung um die Beziehung zwischen einem alten Mann und einer Edelhure (wie Hermine in unpassender Weise auf der DVD-Rückseite bezeichnet wird), die einem verlorenen alten Mann hilft, wieder auf die Beine zu kommen. Im Roman ist die Komponente weniger auf das Sexuelle gelegt, Hermine ist eine Seelenverwandte Hallers, die genau dasselbe Problem hat wie er. Auch Maria, die im Roman ein Geschenk von Hermine darstellt, nimmt zu viel Raum in der Filmadaption ein, sodass ein unpassendes Mischverhältnis entsteht.
Beinahe ironisch wirkt die Szene beim jungen Professor, als dieser davon spricht die winzigsten Details, die Konturen des Archetyps aus den Menschen herauszufiltern, da die Filmadaption des Steppenwolfs nicht über eine Aneinanderreihung von Stereotypen, vor allem hinsichtlich Harry Haller und seinen Gedanken hinauskommt. In dieser Szene beim jungen Professor, dessen Frau und einer Büste von Goethe (im Roman ist es eine Radierung des „Dichterfürsten“ in einem gerahmten Bild) wirkt der Film völlig überzogen und wie eine Parodie auf Hesses Werk und Hesses Gedanken.
Schließlich im magischen Theater gipfelt der Film in einer Wahnvorstellung Hallers, während dieser Abschnitt in der Buchvorlage ein wichtiger Abschnitt auf Hallers Weg zu Selbsterkenntnis ist: ein Erschrecken über die Facetten des eigenen Ichs – Haller, der über die ganze Welt jammert, aber letztlich nur über sich selbst klagt. Das magische Theater ist ein Schlüssel zu seinem Weltbild, wo deutlich wird, dass Haller tatsächlich ein Künstler ist und kein Schwafler, hier tut sich ein theologisch-philosophisches Konzept auf, wo der Film lediglich sagt: Haller ist wahnsinnig, „ein bisschen bekloppt“. In der Romanvorlage ist Hallers Empfinden nachzuvollziehen, denn Haller ist kein Teenie, der sich ein bisschen ausprobiert, sondern ein gestandener Mann, hier geht es auch nicht um eine Midlife-Crisis, kein männliches Problem, denn Hermine, auch wenn sie damit besser leben kann, fühlt eben genauso wie Haller, macht dasselbe durch, sie sind Seelenverwandte, die sich gegenseitig helfen. Im Film wirken Haller und Hermine eher wie gegensätzliche Pole.

Vielleicht interpretiert ein Amerikaner Hesses Welt, eine deutsche Welt, wo das Deutschsein thematisiert wird, Identität stets ein zentrales Thema ist, auch einfach anders, als jemand, der Deutschunterricht in der Schule hatte und mit dieser Welt dadurch vielleicht ein wenig vertrauter ist.

Die Traumsequenz mit Goethe ist allerdings nah am Roman und glaubwürdig. Die Verehrung Goethes als Genie wird deutlich. Goethes Abgehobenheit, die nicht negativ wirkt, sondern wie eine nach dem Tode erreichte Weisheit, jene Weltverachtung eines Yogis, alles von Humor durchdrungen – eine Weisheit zu der Haller noch nicht fähig ist, ein Lachen über die Welt, das alles ist Hallers Ziel, da möchte Haller hin und versucht dies schließlich über das magische Theater zu erreichen (ähnlich wie Siddharthas Reise).

Literatur: Hesse, Hermann (2012). Der Steppenwolf. Berlin: Suhrkamp.