Das Schreiben am Buch (über unsere Reise nach Indien)

Schreiben in Zonguldak

Es waren gute Tage am Schwarzen Meer in der Türkei: Wir schliefen unter freiem Himmel, ehe die Wärme der Sonne uns weckte, wir frühstückten mit Tauben und tranken Kaffee aus dem Moka Express, nahmen ein Bad im kühlenden Meer und ließen den Gedanken freien Lauf, über den Stift in das Notizbuch. Heute durchforste ich diese Notizbücher und es ist als würde ich die Reise noch einmal antreten – ich schreibe das Buch über unsere Reise Zu Fuß nach Indien.

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Rezension: Der Steppenwolf (Film, 1974)

Liebe Freunde,

nachdem ich diesen Sommer im Zug, während meiner Fahrten zum Zoo, noch einmal Hermann Hesses Steppenwolf gelesen hatte, entschied ich mich bei einem Online-Auktionshaus die Verfilmung dieses Romans von Fred Haines, mit Max von Sydow als Harry Haller, aus dem Jahr 1974 zu erwerben.

Der Film "Der Steppenwolf" (1974) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse aus dem Jahr 1927

Der Film „Der Steppenwolf“ (1974) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse aus dem Jahr 1927

Über die Literaturvorlage brauche ich vorab bloß wenige Worte zu verlieren, auch wenn der Roman von Hesse 1927 veröffentlicht wurde, hilft er auch wunderbar als Wegbegleiter, Leidensgenosse durch die Tage von heute, als Spiegel, als sich verstanden fühlend und in den Zeilen wiederfindend und hat wenig an Aktualität verloren, eher zugenommen, da Angedeutetes, einem feinen Hauch gleich, damals gerade eben von einer sensiblen Künstlerseele Gefühltes, was kaum zu erkennen war, bis zum heutigen Tage deutlich an Konturen zugenommen hat.

„Einmal geschah es nachts, daß ich im Wachliegen plötzlich Verse sagte, Verse viel zu schön und viel zu wunderlich, als daß ich daran hätte denken dürfen, sie aufzuschreiben, die ich am Morgen nicht mehr wußte und die doch in mir verborgen lagen wie die schwere Nuß in einer alten brüchigen Schale. Ein andermal kam es beim Lesen eines Dichters, beim Nachdenken eines Gedankens von Descartes, von Pascal, ein anderes Mal leuchtete es wieder auf und führte mit goldener Spur weiter in die Himmel, wenn ich bei meiner Geliebten war. Ach, es ist schwer diese Gottesspur zu finden inmitten dieses Lebens, das wir führen, inmitten dieser so sehr zufriedenen, so sehr bürgerlichen Welt, so sehr geistlosen Zeit, im Anblick dieser Architekturen, dieser Geschäfte, dieser Politik, dieser Menschen! Wie sollte ich nicht ein Steppenwolf und ruppiger Eremit sein inmitten einer Welt, von deren Zielen ich keines teile, von deren Freuden keine zu mir spricht!“ (Hesse, 2012, 48f.)

So kann ich Hesses Steppenwolf jedem nur nahelegen. Was erwarte ich aber von einer Literaturverfilmung? Gerade von einem kontroversen Buch wie dem Steppenwolf, wo die Hauptfigur eben nicht Sympathieträger ist, wie ein glänzender Goldmund, sondern eher Anti-Held? Wie wird Harry Haller in der Filmadaption in Szene gesetzt? Als Goldmund, der versagt hat oder wie ein gefallender Engel (in künstlerischer Hinsicht)? – Nein, so wird er nicht dargestellt, besser gesagt: leider nein. Der verfilmte Harry Haller ist ein Wirrkopf, der sich nur von äußeren Umständen leiten lässt. In seinem fortgeschrittenen Alter macht er alles mit: Frauen, Partys, Drogen. Doch wieso dies alles? Warum tut er das? Hallers Innenleben könnte hier mit dem Prädikat „wahnsinnig“ versehen werden. Gerade das, was Hesse in seinem Roman so ausführlich bis zum äußersten ausführt, das philosophisch untersetzte Gejammer über die Welt, welches vielen zu weit gehen mag, doch sehr erhellend für das Verständnis von Hallers Weltbild ist, wird im Film nur pauschalisiert dargestellt. Möglicherweise versuchte der Macher des Films (Haines schrieb auch das Drehbuch) sich in den Protagonisten hineinzuversetzen. Doch das Ergebnis seiner Interpretation ist letztlich nur als eigensinnig zu bezeichnen, was offensichtlich zu wenig Hesse und viel Haines führt. Hätte Haines sich mehr an der Vorlage orientiert und weniger an technischen Spielereien versucht, wäre der Film als Ganzes sicherlich etwas besser zu verstehen: Nicht nur Harry Haller, sondern der ganze Film wirkt verwirrend.
Der Filmmacher setzte den Schwerpunkt auf die Beziehung zwischen Harry Haller und Hermine, sodass es wirkt, als ginge es in dieser Erzählung um die Beziehung zwischen einem alten Mann und einer Edelhure (wie Hermine in unpassender Weise auf der DVD-Rückseite bezeichnet wird), die einem verlorenen alten Mann hilft, wieder auf die Beine zu kommen. Im Roman ist die Komponente weniger auf das Sexuelle gelegt, Hermine ist eine Seelenverwandte Hallers, die genau dasselbe Problem hat wie er. Auch Maria, die im Roman ein Geschenk von Hermine darstellt, nimmt zu viel Raum in der Filmadaption ein, sodass ein unpassendes Mischverhältnis entsteht.
Beinahe ironisch wirkt die Szene beim jungen Professor, als dieser davon spricht die winzigsten Details, die Konturen des Archetyps aus den Menschen herauszufiltern, da die Filmadaption des Steppenwolfs nicht über eine Aneinanderreihung von Stereotypen, vor allem hinsichtlich Harry Haller und seinen Gedanken hinauskommt. In dieser Szene beim jungen Professor, dessen Frau und einer Büste von Goethe (im Roman ist es eine Radierung des „Dichterfürsten“ in einem gerahmten Bild) wirkt der Film völlig überzogen und wie eine Parodie auf Hesses Werk und Hesses Gedanken.
Schließlich im magischen Theater gipfelt der Film in einer Wahnvorstellung Hallers, während dieser Abschnitt in der Buchvorlage ein wichtiger Abschnitt auf Hallers Weg zu Selbsterkenntnis ist: ein Erschrecken über die Facetten des eigenen Ichs – Haller, der über die ganze Welt jammert, aber letztlich nur über sich selbst klagt. Das magische Theater ist ein Schlüssel zu seinem Weltbild, wo deutlich wird, dass Haller tatsächlich ein Künstler ist und kein Schwafler, hier tut sich ein theologisch-philosophisches Konzept auf, wo der Film lediglich sagt: Haller ist wahnsinnig, „ein bisschen bekloppt“. In der Romanvorlage ist Hallers Empfinden nachzuvollziehen, denn Haller ist kein Teenie, der sich ein bisschen ausprobiert, sondern ein gestandener Mann, hier geht es auch nicht um eine Midlife-Crisis, kein männliches Problem, denn Hermine, auch wenn sie damit besser leben kann, fühlt eben genauso wie Haller, macht dasselbe durch, sie sind Seelenverwandte, die sich gegenseitig helfen. Im Film wirken Haller und Hermine eher wie gegensätzliche Pole.

Vielleicht interpretiert ein Amerikaner Hesses Welt, eine deutsche Welt, wo das Deutschsein thematisiert wird, Identität stets ein zentrales Thema ist, auch einfach anders, als jemand, der Deutschunterricht in der Schule hatte und mit dieser Welt dadurch vielleicht ein wenig vertrauter ist.

Die Traumsequenz mit Goethe ist allerdings nah am Roman und glaubwürdig. Die Verehrung Goethes als Genie wird deutlich. Goethes Abgehobenheit, die nicht negativ wirkt, sondern wie eine nach dem Tode erreichte Weisheit, jene Weltverachtung eines Yogis, alles von Humor durchdrungen – eine Weisheit zu der Haller noch nicht fähig ist, ein Lachen über die Welt, das alles ist Hallers Ziel, da möchte Haller hin und versucht dies schließlich über das magische Theater zu erreichen (ähnlich wie Siddharthas Reise).

Literatur: Hesse, Hermann (2012). Der Steppenwolf. Berlin: Suhrkamp.

Welt-Orang-Utan-Tag

Am 19. August ist Welt-Orang-Utan-Tag. Von 13 Uhr bis 15 Uhr betreue ich zu diesem Thema einen Stand im Regenwaldhaus (Rumah hutan) des Zoo Dortmunds. Es gibt Informationen über die Situation der Orang-Utans im Zoo und in freier Wildbahn, außerdem basteln wir Überraschungen (Behavioral enrichment) für die Dortmunder Orang-Utans. Wer Lust hat, ist herzlich eingeladen vorbeizuschauen.

Der Dortmunder Orang-Utan "Walter"

Der Dortmunder Orang-Utan „Walter“

Das Eigentliche Zweifingerfaultier

In den verstrichenen sechs Wochen konnte ich die beiden Faultiere „Julius“ und „Evita“ aus dem Zoo Dortmund etwas näher kennenlernen. Auf dem Hinweg zum Zoo las ich im Zug währenddessen „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel. Gleich zu Beginn seines Buches findet Martels Protagonist Pi Patel sehr passende Worte zu diesem bemerkenswerten Geschöpf aus Südamerika: Das Faultier „lebt ein friedliches Vegetarierleben in vollkommenem Einklang mit seiner Umgebung. ‚Stets hat es ein gutmütiges Lächeln auf den Lippen‘, schreibt Tirler (1966). Es ist ein Lächeln, das ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Ich bin keiner, der leichtfertig menschliche Charakterzüge oder Gefühlsregungen auf Tiere projiziert, doch viele Male, wenn ich in jenem Monat in Brasilien ein ruhendes Faultier betrachtete, hatte ich den Eindruck, dass ich in der Gegenwart eines an den Füßen hängenden, tief in seine Meditation versenkten Jogis war oder eines ganz dem Gebet ergebenen Eremiten, in der Gegenwart von Wesen großer Weisheit, deren inneres Leben jenseits all meiner wissenschaftlichen Forschung lag.“

Julius und Evita bei der 12 Uhr-Fütterung im Tamandua-Haus

Julius und Evita bei der 12 Uhr-Fütterung im Tamandua-Haus